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Synästhesie: Eine außergewöhnliche Form der Wahrnehmung

Synästhesie
Synästhesie: Eine außergewöhnliche Form der Wahrnehmung

Wenn die meisten Menschen etwas lesen, nutzen sie ihren Sehsinn, um die Buchstaben schwarz auf weiß zu deuten. Bei Gesprächen oder beim Lauschen von Musik verstehen sie die Melodien oder gesprochene Worte über den Gehörsinn. Doch es gibt auch einige Menschen, die äußere Reize nicht nur über Sinnesempfindungen wahrnehmen.
Sie ordnen musikalische Töne unterschiedlichen Farben zu oder deuten Zahlen und Buchstaben durch Erfühlen. Wer diese außergewöhnliche Fähigkeit besitzt, wird als Synästhetiker bezeichnet.

Zahlen und Buchstaben in Farbe

Die aus dem Griechischen stammende Bezeichnung bedeutet in deutscher Sprache soviel wie „Vermischung der Sinne“. Schätzungen zufolge tauchen Menschen mit synästhetischer Wahrnehmung im Verhältnis von etwa 1:2.000 bis hin zu 1:25.000 auf. Aktuellen Vermutungen zufolge könnte sogar jeder 1.000 Mensch diese besondere Fähigkeit besitzen.

Für Personen mit einfacher Sinnesempfindung ist die Deutungsweise nur schwer nachvollziehbar.

Beinahe scheint es, als müsste man einer blinden Person das Sehen erklären. Die meisten Synästhetiker sehen Zahlen und Buchstaben in Farbe.
Einige Synästhetiker berichten davon, dass der zusätzliche Sinneseindruck vor ihrem inneren Auge erscheint. Andere berichten wiederum vor einer Art Monitor, der sich in der eigenen Vorstellung zu öffnen scheint. Für andere Personen scheint die besondere Form der Wahrnehmung einfach um sie herum aufzutauchen.

Zahlen und Buchstaben in Farbe
Zahlen und Buchstaben in Farbe

Nicht kontrollierbar

Synästhetische Wahrnehmungen sind nicht kontrollierbar. Sie tauchen einfach auf. Sinne vermischen sich, indem ein Sinn automatisch eine weitere Sinneswahrnehmung auslöst. Ein besonders häufig auftretendes Phänomen ist das sogenannte Farbenhören, bei dem sich gehörte, gelesene oder auch nur gedachte Wörter in synästhetische Farberlebnisse verwandeln.
Unter Synästhetikern ist es dann beispielsweise üblich, dass der Buchstabe „E“ eine bestimmte Farbe hat oder das Wort „sauer“ als „überwiegend grau und mit der rauen Struktur einer Raspel“ betrachtet wird.

Synästhetische Wahrnehmungen
Synästhetische Wahrnehmungen sind nicht kontrollierbar

Eine besondere Gabe

Synästhesie ist generell keine krankhafte Störung, sondern eher wie eine zusätzliche Fähigkeit. Ein Großteil aller Synästhetiker betrachtet die Begabung nicht als Belastung, sondern eher als Bereicherung.

Einige Wissenschaftler erhoffen sich aus der Erforschung des Phänomens neue Erklärungsansätze, wie generelle Prozesse der Informationsverarbeitung im Gehirn funktionieren.

Mit Synästhesie leben

Die meisten Synästhetiker bemerken schon im Kindesalter, dass sie etwas „anders ticken“ als gleichaltrige Schulkameraden. Sie lernen schnell, nicht all ihre Gedanken frei zu äußern. Sie passen sich ihrer Umwelt an, weil sie befürchten, andernfalls als Spinner abgestempelt zu werden.

Durch aufmerksames Lesen der Berichte anderer Personen bemerken sie jedoch, tatsächlich eine besondere Gabe zu besitzen. Viele Betroffene suchen daraufhin den Austausch mit anderen Synästhetikern. Im Gespräch mit anderen Personen können sie bedenkenlos äußern, sich einfach „gelb“ zu fühlen oder Beethoven für seine „rote Musik“ zu schätzen.

Mit Synästhesie leben
Die meisten Synästhetiker bemerken schon im Kindesalter, dass sie etwas „anders ticken“ als gleichaltrige Schulkameraden | Foto: © Olha Tsiplyar #575960203 – stock.adobe.com

Kreative Künstler

Apropos Beethoven: Auch zahlreiche namhafte Künstler wie Johann Wolfgang von Goethe oder der Maler Wassily Kandinsky waren Synästhetiker. Generell sind die meisten Personen mit dieser Fähigkeit in künstlerischen oder kreativen Berufen tätig.

Zudem vermuten Forscher, dass rund 80 Prozent aller Synästhetiker Frauen sind.

Zusätzlich wird Betroffenen eine überdurchschnittliche Intelligenz nachgesagt. Die meisten Personen besitzen vermutlich nicht nur diese besondere Form der Wahrnehmung, sondern scheinen generell eher sensibel zu sein. Nach aktuellen Erkenntnissen gelten Synästhetiker als sehr ausgeglichen und psychisch stabil. Sie empfinden eine innere Geborgenheit und sind überwiegend angstfrei.
Überdurchschnittlich häufig berichten Betroffene von Déjà-vu-Erlebnissen oder hellseherischen bzw. telepathischen Fähigkeiten.

Nicht erlernbar

Die außergewöhnliche Form der Wahrnehmung können Menschen nicht erlernen. Stattdessen ist die Fähigkeit angeboren. Weil sich Synästhetiker Buchstaben oder Zahlen vorzugsweise durch Farben merken, fällt es ihnen nicht schwer, Telefonnummern, Anschriften oder komplette Textpassagen auch nach langer Zeit komplett wiederzugeben. Zahlreiche Synästhetiker rechnen zudem farbig.

Beispielsweise wurde bei einer Probandin der sogenannte Stroop-Test durchgeführt, bei dem sich die Synästhetikerin unterschiedlich gefärbte Zahlen anschauen sollte. Stimmten Farbe und Zahl in den Augen der Untersuchungsteilnehmerin überein, fand sie die Zahl auf dem ihr vorgelegten Blatt wesentlich schneller als Darstellungen der Zahl in „falscher“ Farbe. Derartige Fähigkeiten lassen sich nicht erlernen, sondern sind Synästhetikern schlichtweg in die Wiege gelegt.