Hollywood-Kino im Wandel der Zeit
Hollywood-Kino im Wandel der Zeit
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Hollywood-Kino im Wandel der Zeit

Wenn der Blockbuster „Keine Zeit zu sterben“ am 2. April dieses Jahres erstmals auf den Kinoleinwänden erscheint, erwarten Zuschauer düstere Aussichten. Der gut illustrierte mittlerweile 25. Teil der James Bond 007-Reihe ist das bislang für 2020 bekannteste Beispiel eines Phänomens, das für Drehbuchautoren in Hollywood über Jahrzehnte hinweg unmöglich erschien. Denn dieser Streifen ist ein klassisches Bleakquel.

Was ist ein Bleakquel eigentlich?

Bleakquel ist eine neue Wortschöpfung, die sich aus den englischen Termini „bleak“ für „düster“ sowie „sequel“ für „Fortsetzung“ zusammensetzt. Und diese Mischung ist das genaue Resultat vieler Filme, die derzeit in der Film-Wunderwelt von Los Angeles produziert werden. Denn sogenannte Bleakquels beziehen sich auf filmische Inhalte, die in der amerikanischen Filmbranche zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Große Zuschauerscharen werden vor allem dadurch angelockt, indem die Hollywoodstreifen noch furchtbarer und trostloser sind.

Ist ein Happy End wirklich zu langweilig?

Grundsätzlich fühlten sich Zuschauer noch nie magisch von Filmen angezogen, die das klassische Happy End-Bild einer heilen Welt verkörperten. Allerdings genügte es bis vor kurzer Zeit noch, dass die Filmhelden mit einem Bösewicht konfrontiert wurden. Oft war es sogar ausreichend, für Fortsetzungen einfach einen neuen Schauplatz auszuwählen. Ein Beispiel ist das Wechselspiel aus Eigenheim sowie einem Hotel in Manhattan bei Filmklassikern wie „Kevin – allein zu Haus“ sowie „Kevin – allein in New York“. Doch die Zeiten haben sich geändert. Denn heute scheint es Zuschauer ganz besonders zu faszinieren, wenn die psychische Verfassung der Hauptdarsteller sowie des gesamten Filmuniversums in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Helden gehen dabei an ihre Grenzen, ohne dass deren Bemühungen belohnt werden. Ein Beispiel ist eben das neueste Aushängeschild der James Bond-Reihe, in dem sich beim Hauptdarsteller trotz aller Bemühungen Verzweiflung und Depression breitmacht.

Derartige Tendenzen wurden in jüngster Vergangenheit schon bei mehreren Filmen sichtbar, darunter im letzten „Star Wars“-Streifen, in der Trickfilmfortsetzung „Toy Story“ oder dem Superhelden-Epos „Avengers“. Und ganz gewiss ist mit dem neuen 007 noch längst der Bleakquel-Höhepunkt erreicht.

Vom boomenden Seriengeschäft motiviert

Mit dieser Entwicklung ist das Kino inzwischen mit ähnlichen Herausforderungen wie das boomende Seriengeschäft konfrontiert. Viele Zuschauer wünschen sich im Kino oder vor dem TV-Gerät den gewissen Kick, der grauenvoller und deprimierender nicht sein könnte. Zahlreiche Drehbuchautoren sind nur noch damit beschäftigt, sich in Folgestaffeln noch dramatischere Wendungen als in den Teilen zuvor auszudenken. Denn diese Dramatik erklärt auch den Erfolg von Serien wie „Game of Thrones“ oder „Mad Men“.

Auf den erzählerischen Spuren von Aristoteles

Der Vergleich mit dem Dramentheoretiker und Philosophen Aristoteles wirkt an dieser Stelle vielleicht etwas weit hergeholt. Doch der Vergleich ist durchaus realistisch. Denn schon vor vielen Jahrhunderten bauten dramatische Erzählungen auf ähnlichen Grundlagen wie heutige Geschichten auf. Die Basis für eine gute Erzählung ist noch immer die altbewährte Dreiakt-Struktur, die schnell durchschaubar ist. Ein gutes Drama benötigt schließlich einen interessanten Anfang, eine Mitte und ein spannendes Ende. Dieser Aufbau verfehlt seinen Zweck nicht, da Leser, Zuschauer und die handelnden Personen eine Art seelische Reinigung erleben sollten. Die Hauptdarsteller und Zuschauer sollten die Aufführungen als bessere Menschen verlassen, in ihrer Persönlichkeit gefestigt und gereinigt sein. Galt dieses Konzept für Aristoteles noch als moralisch wertvoll, hat sich dieses System heute ebenfalls als wirtschaftliches Erfolgsrezept ausgezahlt.

Lange funktionierte das Happy End als feste Größe in der amerikanischen Filmindustrie, die Zuschauern völlig absichtlich eine heile Welt vorgaukelte. Heute gibt es zwar immer noch Filme oder Serien mit Happy Ends. Doch das Bleakquel läutet ganz offensichtlich eine filmische Parallelwelt ein.

Das Happy End wandelt sich zur Lüge

Wurde den Zuschauern das Ende in den filmischen Vorgängern als Happy End verkauft, werden diese Handlungen nun als Lüge oder pure Illusion dargestellt. Dieser Ideenreichtum ist natürlich auch notwendig, um die Existenz neuer Handlungsstränge zu rechtfertigen. Konnten Helden in älteren Filmen noch lange Zeit später von ihrem Heldenstatus profitieren, ist es heute gang und gäbe, dass die Protagonisten sprichwörtlich das untere Drittel der Gesellschaft kreuzen.Ob sich dieses Erzählmodell auf Dauer durchsetzen wird, ist allerdings fraglich. Denn schon jetzt scheinen einige Serien an ihre Grenzen zu geraten, die am unteren Limit der klassischen Erzählung angelangt sind. Und vielleicht wird sich die Vorstellung von der heilen glücklichen Welt schon bald wieder auf unseren Bildschirmen und Kinoleinwänden durchsetzen.