Folgt auf Corona-Epidemie eine Einsamkeits-Epidemie?
Folgt auf Corona-Epidemie eine Einsamkeits-Epidemie?
Gesellschafts Blog

Folgt auf Corona-Epidemie eine Einsamkeits-Epidemie?

Eine der wichtigsten Corona-Regeln sieht vor, zu seinen Mitmenschen mindestens 1,5 Meter Abstand zu halten. Allerdings haben sich im Laufe der vergangenen Monate viele Menschen noch wesentlich weiter voneinander distanziert. Sie tristen ihr Dasein in den eigenen vier Wänden. Der Kontakt zu anderen Personen schwindet.

Deutlich mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge

Wie Stefan Deutschmann als Leiter des Fachbereichs Beratung und Seelsorge vom Diakonischen Werk Hamburg bestätigt, hat sich der Anteil an Personen ohne nahezu jeden zwischenmenschlichen Kontakt in Großstädten deutlich erhöht.

Insbesondere im Zeitraum von Mitte März bis Mitte Mai ist der Anteil an Anrufen bei der Hamburger Telefonseelsorge um 25 bis 30 Prozent angestiegen.

Viele dieser Anrufe brachten laut Deutschland zum Ausdruck, dass immer mehr Menschen unter tiefer Einsamkeit leiden.

Deutlich mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge
Im Zeitraum von Mitte März bis Mitte Mai ist der Anteil an Anrufen bei der Hamburger Telefonseelsorge um 25 bis 30 Prozent angestiegen

Jüngere Menschen kontaktieren die Seelsorge per Chat und Mail

Landesweit wurden in allen ungefähr 100 von beiden großen Kirchen unterstützten Telefonseelsorgestellen vergleichbare Zunahmen von Gesprächskontakten verzeichnet. Etwa 40 Prozent aller Telefonate bezogen sich auf Veränderungen, Verunsicherungen und Einschränkungen, die durch die Pandemie ausgelöst wurden. Rund 16 Prozent aller Gespräche bezogen sich auf Ängste und Verunsicherungen. Etwa 24 Prozent der Telefonate thematisierten die drohende Vereinsamung.
Im September dieses Jahres schloss die Telefonseelsorge mit ungefähr 81.000 Anrufen ebenfalls wesentlich mehr Telefonate als zur gleichen Zeit vor einem Jahr ein. Damals betrug der Anteil insgesamt 75.000 Telefonate. Zusätzlich hatten sich viele jüngere Personen per Mail und Chat gemeldet.

Eine Epidemie der Einsamkeit

Nun befürchtet der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski, dass sich der Anteil an vereinsamten Personen dramatisch erhöhen wird. Schritt für Schritt wandelt sich die Corona-Pandemie zur Epidemie der Einsamkeit. Seitdem Politiker zu längeren oder gar ausschließlichen Aufenthalten in den eigenen vier Wänden aufforderten, sind immer mehr Deutsche allein zu Hause.

Im Rahmen einer repräsentativen Umfrage bemerkte Opaschowski sogar, dass die Sorge vor einer drohenden Vereinsamung ebenso um sich greift wie vor Altersarmut.

Schon Mitte März vertraten 84 Prozent aller Befragten zu Beginn des Lockdowns die Ansicht, dass sich die Kontaktarmut auf ältere Menschen ebenso belastend auswirken wird wie die Geldarmut.

Anteil an vereinsamten Personen dramatisch erhöht
Der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski befürchtet, dass sich der Anteil an vereinsamten Personen dramatisch erhöhen wird

Starke Belastungen durch fehlende soziale Kontakte

Im Mai 2020 gaben 80 Prozent aller Befragten im Rahmen einer Befragung des Forsa-Instituts zu verstehen, dass der unzureichende Kontakt zur Familie und zu Freunden besonders belastend sei. Wie die durch die Techniker Krankenkasse in Auftrag gegebene Studie ermittelte, stellen die Spätfolgen der Pandemie für viele Menschen eine harte Belastungsprobe dar. In diesem Zusammenhang betonte eine TK-Sprecherin jedoch, dass sich Krankschreibungen aufgrund psychischer Belastungen schon seit mehreren Jahren deutlich erhöht haben. Diese Thematik spricht Opaschowsi ebenfalls in seiner Publikation „Die semiglückliche Gesellschaft“ an. Hier prophezeite der Seelsorger, dass die größte Armut in der zukünftigen Gesellschaft die Kontaktarmut sein werde.

Zunehmend mehr Menschen leben im hohen Alter allein und einsam. Im Vergleich zu früheren Jahren mangele es deutlich an sozialen Kontakten. Sie vermissen den Kontakt mit Arbeitskollegen und die Anerkennung, die sie durch ihre berufliche Tätigkeit erhalten haben. Schnell verwandele sich Einsamkeit dadurch in Depressionen oder psychische Erkrankungen.

Zunehmende Erkrankungen wie Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit

Auf diese Problematik verwies die Bundespsychotherapeutenkammer bereits im August dieses Jahres. Demzufolge erhöhe sich nicht nur der Anteil an Menschen, die unter Depressionen, akuten sowie posttraumatischen Belastungsstörungen oder Angststörungen leiden. Zugleich sind immer mehr Menschen von Psychosen, Zwangsstörungen, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit betroffen. Mit dieser Problematik werden insbesondere ältere Menschen konfrontiert.

Vor allem über 75 Jahre alte Menschen ziehen sich aus Angst vor einer Corona-Ansteckung zurück. Diese vermeintliche Todesangst führe bis hin zur totalen sozialen Isolation. Praktische Erfahrungen sind für Psychotherapeuten kaum vorhanden. Letztendlich werden Betroffene von der Erwartung geplagt, wegen Corona allein sterben zu müssen.