Mythos Moor: Aberglaube oder Wahrheit?

Moore gelten als schaurige Orte. Die Angst vieler Menschen vor dem Moor wird durch Aberglauben und Sagen befeuert. Auch in der Kunst haben Moore mit Stimmungsbildern und Gedichten ihren Platz gefunden.
Inhaltsverzeichnis
Moor als Thema von Literatur und Kunst
Im Jahr 1842 veröffentlichte die deutsche Dichterin Annette von Droste-Hülshoff ihre Ballade „Der Knabe im Moor“, die mit der Zeile „O schaurig ist’s übers Moor zu gehen“ beginnt. Auch der Maler und Schriftsteller Fritz Stöber beschreibt im Jahr 1910 Stimmungsbilder aus dem Moor.
Die Rede ist vom Nebel, der sich hinanschwingt, und von Geistern, die dem Grab entstiegen und weit über das Land blicken. Moore als nebelverhangene, einsame Sumpfländer sind voller unerklärlicher Geräusche und seltsamer Lebewesen. Sie wirken daher für viele Menschen unheimlich.
Mythen und Sagen über die Moore ranken sich häufig um die Moorlandschaften in Nordeuropa. Es geht um untote Seelen, verschwundene Dörfer und Menschenopfer.

Moormumien und verstümmelte Körper
In ganz Europa wurden bislang mehr als 2.000 Moorleichen gefunden, in Schleswig-Holstein allein 60 solcher Leichen. Selbst nach Jahrhunderten sind Haut, Knochen und innere Organe aufgrund des Licht- und Luftabschlusses im Moor noch gut erhalten.
Zumeist stammen die Moorleichen aus der Zeit von 500 vor bis 500 nach Christus und wurden in Mittel- und Nordeuropa gefunden. An vielen dieser Moorleichen sind deutliche Spuren von Gewalt erkennbar. Die Leichen wurden mit abgerissenen Gliedmaßen, Stichwunden im Herzen, erdrosselt oder geknebelt versenkt.
Das 1952 im Domlandsmoor bei Eckernförde entdeckte „Kind von Windeby“ ist ein ungefähr 16-jähriger Jugendlicher. Einem Mythos zufolge soll es sich um ein Mädchen handeln, das mit einem Mann, dessen Leiche nur weniger Meter entfernt gefunden wurde, eine Romanze gehabt hat.
Heute ist jedoch erwiesen, dass es sich nicht um ein Mädchen, sondern um einen jungen Mann handelt, der an einer Zahninfektion und an Mangelernährung starb.
Der Tollund-Mann, der nahe Silkeborg in Dänemark gefunden wurde, hatte einen Strick um den Hals und wurde erhängt. Der römische Dichter Tacitus schrieb in seiner Schrift Germania davon, dass schändliche Verbrecher im Moor hingerichtet wurden.

Menschenopfer, um die Götter gnädig zu stimmen
Moorleichen, zu denen auch der Tollund-Mann gehört, könnten Menschenopfer sein, die den Göttern dargebracht wurden, um sie gnädig zu stimmen. Das Moor könnte als Übergang von der Welt der Menschen in eine übernatürliche Welt gesehen werden.
Forscher stellten die These auf, dass die Position, in der sich der Leichnam des Tollund-Mannes befand, auf Menschenopfer hindeutet. Der Leichnam hat einen entspannten Gesichtsausdruck, die Augen sind geschlossen. Mit angezogenen Beinen liegt er auf der Seite.
Andere Moorleichen, darunter der Grauballe-Mann oder die nur 90 Meter vom Tollund-Mann entfernt gefundene Frau von Elling, lagen in ähnlichen Positionen.
Ein Team von dänischen Forschern untersuchte den Mageninhalt des Tollund-Mannes. Der Mann hatte einige Stunden vor seinem Tod eine Mischung aus 40 verschiedenen Pflanzensamen gegessen. Ein ähnlicher Mageninhalt wurde bei weiteren zwölf Moorleichen aus der Eisenzeit gefunden. Möglicherweise stand diese Speise mit einem Ritual in Verbindung.
Bedrohung durch Hakemänner und Wiedergänger
In den Bundesländern Brandenburg und Niedersachsen kursieren Legenden, dass sich in einigen Mooren und Flusslandschaften Hakemänner und Wiedergänger befinden. Hakemänner sind Mischwesen aus Mensch und Fisch, die in Bächen und Flüssen auf unaufmerksame Menschen lauern und sie mit ihren Haken in den Morast ziehen. In der Braunschweiger Volkskunde von 1901 wird beschrieben, dass sie die Menschen so lange festhalten, bis sie umkommen.
Der Volksglaube von den Wiedergängern hielt sich in Deutschland von der Eisenzeit bis ins 20. Jahrhundert. Bei ihnen handelt es sich um Untote, die ihrem Sarg entsteigen, um ihr Unwesen unter den Lebenden zu treiben.
Einige beim Torfabbau gefundene Moorleichen zeugen davon. Sie wurden teilweise angepflockt, gefesselt oder mit einem Stein beschwert. Das könnte auf die Furcht der Menschen vor Wiedergängern hindeuten. Deutlich profaner ist die Erklärung, dass die Leichen auf diese Weise am Auftreiben im Sumpf gehindert wurden.

Irrlichter als umherirrende Seelen
Moore wurden bereits in der Jungsteinzeit ab ungefähr 9500 vor Christus als rituelle Orte und möglicherweise als Tore ins Jenseits genutzt. Über Jahrtausende verfestigten sich Sagen über verstorbene Seelen, die ihr Unwesen als Irrlichter treiben.
Ein Beispiel dafür ist die Sage von Jack mit der Laterne, Jack O’Lantern, der mehrmals den Teufel ausgetrickst haben soll. Er erhielt daher keinen Zugang zum Himmel und zur Hölle. Der Teufel hatte ihm ein glühendes Stück Kohle aus dem Hades überlassen, mit dem er als unsterbliche Seele auf der Suche nach Erlösung herumgeistert.
Auch im sorbischen Volksglauben sind Irrlichter verankert, bei denen es sich um die Seelen von verstorbenen oder tot geborenen Kindern handelt. Sie durften nicht ins Jenseits hinübergehen, da sie nicht getauft waren. Diese in den Mooren auftauchenden Irrlichter sollen Menschen ins Verderben gelockt haben.
Für die Irrlichter gibt es jedoch eine nüchterne naturwissenschaftliche Erklärung.
Die gelblichen oder bläulichen Flämmchen entstehen durch Sumpf- oder Faulgase und bewegen sich fort. Brennbare Gase wie Phosphorwasserstoff oder Methan werden durch mikrobiologische Abbauprozesse freigesetzt.
Die Gase können sich unter speziellen Bedingungen entzünden, wenn sie mit atmosphärischem Sauerstoff in Kontakt kommen. Sie erlöschen jedoch schnell wieder.
Versunkene Dörfer und Moorjungfrauen
In der Hohen Rhön soll mit Poppenrode ein ganzes Dorf im Moor versunken sein. Das Rote Moor hat eine Fläche von ungefähr 103 Hektar und ist das größte Hochmoor in Hessen. Es wird nur von Regenwasser gespeist und liegt 800 Meter über dem Meeresspiegel.
Die Bewohner von Poppenrode sollen der Legende nach zügellos gelebt haben. Sie sollen Nonnen verhöhnt, überfallen, ausgeraubt und im Dorfteich ertränkt haben. Als Strafe Gottes trat der Dorfteich über seine Ufer und begrub den Ort unter seinen Wassermassen.
Auf der Kirmes im Nachbardorf sollen drei Jungfrauen, die gesungen und getanzt haben, erschienen sein. Sie verschwanden um Mitternacht wieder im Moor, wie im Deutschen Sagenbuch von Ludwig Bechstein aus dem Jahr 1853 beschrieben wird.
Einige junge Männer sollen die drei Jungfrauen festgehalten haben. Die Jungfrauen eilten zurück ins Moor, wo ihre furchtbaren Schreie zu hören waren. Die Oberfläche des Moores war am nächsten Morgen blutrot gefärbt.
Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, doch ein roter Schimmer kann durch den fleischfressenden Rundblättrigen Sonnentau oder das Rote Magellan Torfmoos verursacht werden.







