Was bedeutet Zweisprachigkeit für das Gehirn?

In Familien, in denen beide Elternteile unterschiedlicher Nationalität sind, werden Kinder häufig zweisprachig erzogen. Das verspricht später bessere Chancen im Berufsleben. Für diese Kinder kann es leichter sein, eine dritte Sprache zu erlernen. Dennoch hat die Zweisprachigkeit für das Gehirn nicht nur Vorteile.
Inhaltsverzeichnis
Linke Gehirnhälfte ist sprachdominiert
In der Regel ist die linke Gehirnhälfte des Menschen sprachdominiert. In ihr befindet sich der untere parietale Kortex. Bei bilingualen Personen ist dort bei Gehirnscans eine größere Dichte an grauer Substanz erkennbar.
Dieses Phänomen war bei Personen, die eine zweite Sprache hervorragend beherrschen, am stärksten ausgeprägt.
Ebenso stark ausgeprägt ist es bei denjenigen, die bereits vor dem fünften Lebensjahr eine zweite Sprache erlernt haben. Wenn Menschen schnell zwischen zwei Sprachen hin und her wechseln, ist in der rechten Gehirnhälfte deutlich mehr Aktivität zu beobachten als bei Einsprachigen. Die neuronale Aktivität ist bei zweisprachigen Menschen deutlich erweitert.

Einige Sprachen werden bevorzugt
Eine Umfrage des Statistik-Portals Statista von 2021 ergab, dass 40 Prozent der Befragten aus der Bundesrepublik nicht nur Deutsch, sondern auch noch eine weitere Sprache sprechen. Die am häufigsten in deutschen Haushalten neben Deutsch gesprochenen Sprachen sind Türkisch, Arabisch und Russisch.
In Deutschland werden diese Sprachen jedoch eher negativ bewertet, was als Sprachdiskriminierung bezeichnet wird. Bevorzugt sind hingegen Sprachen wie Englisch oder Französisch. Sie bringen auch mehr Vorteile im Berufsleben.

Mehr Kreativität bei Zweisprachigkeit
Mehrsprachigkeit, unabhängig davon, welche Sprachen ein Mensch spricht, führen zu anderen Verknüpfungen im Gehirn als bei einsprachigen Menschen. Mehrere Studien ergaben, dass bilinguale Menschen besser in der Lage sind, Informationen entsprechend der Relevanz zu filtern.
Einige Untersuchungen zeigten, dass sich das Gehirnvolumen vergrößert, wenn ein Mensch zwei Sprachen erlernt.
Die Kreativität wird durch das Erlernen von zwei Sprachen gefördert.
Das Gehirn zweisprachiger Menschen erbringt eine höhere geistige Leistung als das von einsprachigen Menschen. Bilinguale Menschen müssen ständig zwei Sprachen auseinanderhalten. Das fördert die Konzentration. Das ständige kognitive Training hilft, Ablenkungen auszublenden. Das ist hilfreich bei der Erfüllung von Aufgaben in der Schule und im Berufsleben.
In klassischen IQ-Tests schneiden zweisprachige Menschen meistens besser ab als einsprachige Menschen. Sie benötigen jedoch mitunter etwas länger, um Wörter zu finden.
Zweisprachigkeit als Schutz vor Demenz
Eine Garantie dafür, dass zweisprachige Menschen nicht an Demenz erkranken, gibt es nicht. Dennoch ist für sie das Risiko für eine Demenz geringer als bei einsprachigen Menschen.
Eine Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) ergab, dass zweisprachige Menschen aufgrund des ständigen kognitiven Trainings einen gewissen Schutz vor Demenz entwickeln. Die positiven Effekte der Zweisprachigkeit zeigen sich insbesondere dann, wenn die beiden Sprachen bereits in der Kindheit täglich gesprochen werden.

Einfluss der Zweisprachigkeit auf Entscheidungen
Zweisprachigkeit beeinflusst die allgemeine geistige Leistung des Gehirns positiv. Sie beeinflusst auch das Entscheidungsvermögen, doch bestehen Unterschiede zwischen Mutter- und Zweitsprache.
Eine US-amerikanische Studie ergab, dass Menschen in der Zweitsprache bei Entscheidungen rationaler und sachlicher als in der Muttersprache sind. In der Muttersprache treffen sie Entscheidungen emotionaler.
Bilinguale Menschen, die in ihrer Muttersprache oder der von ihnen bevorzugten Sprache sprechen, fühlen intensivere Emotionen. Erinnerungen können sie daher lebhafter erzählen. Anders sieht es in der Zweitsprache aus, da die Menschen beim Sprechen häufig eine gewisse emotionale Distanz erleben.
Nachteile der Zweisprachigkeit
Zweisprachigkeit hat für das Gehirn nicht nur Vorteile. Da das Gehirn bis zum dritten Lebensjahr besonders aufnahmefähig ist, fällt es Kindern leicht, eine Sprache zu erlernen. Häufig stellen Eltern allerdings fest, dass Kinder, die zweisprachig aufwachsen, später mit dem Sprechen anfangen als einsprachige Kinder.
Wortschatz und Grammatik erweitern sich bei zweisprachigen Kindern oft langsamer als bei einsprachigen Kindern. Die Phase der Sprachprägung verschiebt sich nach hinten. Eine Studie aus den USA zeigte, dass zweisprachige Kinder erst im Alter von zehn bis zwölf Monaten die typischen Sprachmuster beider Sprachen erkennen. Diese Prägung ist bei einsprachigen Kindern in diesem Alter schon abgeschlossen.
Die Zweisprachigkeit stellt für die spätere Entwicklung jedoch kein Problem mehr dar. Die Probleme lösen sich später von allein. Ihren Rückstand können die zweisprachigen Kinder schnell wieder aufholen.







