Betrug mit der Liebe
Betrug mit der Liebe - Kriminelle auf Tinder unterwegs
Netzwelt Blog

Betrug mit der Liebe – Kriminelle auf Tinder unterwegs

Ein liebevoll drapierter Fransenpony, tiefbraune Kulleraugen und ein eleganter Schal um den Hals: Schnell war Benedikt Langenbach auf der Dating-Plattform Tinder von der Frau in den Bann gezogen, deren Name angeblich Nuo Yi ist. Der Lehrer aus Berlin wischte das Foto auf seinem Smartphone nach rechts, sie ebenfalls.

Aussichten auf vielversprechende Investitionsmöglichkeiten

Das war der Beginn eines Chats, mit dem bei dem Deutschen die Hoffnung auf eine Begegnung mit der vermeintlich erfolgreichen Geschäftsfrau aus Frankfurt wuchs.
Doch es dauerte nicht lange, bis dem Lehrer zugleich eine vielversprechende Investitionsmöglichkeit eröffnet wurde, wenn dieser binnen kurzer Zeit einige Tausend Dollar an Startkapital zur Verfügung hätte. Über mehrere Wochen hinweg kommunizierte Langenbach mit der Frau. Sie schrieben sich über bewegende Themen, die von Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen China und Deutschland über Kunst und Musik bis hin zur Liebe reichten. Einige Tage später meldete sich die Frau nicht mehr.

Langenbach hatte nicht nur eine auflodernde Liebe, sondern zugleich 6.000 Euro verloren, die er vorher auf eine chinesische Handelsplattform für Kryptowährungen überwies.

Über mehrere Wochen hinweg kommunizierte Langenbach mit der Frau
Über mehrere Wochen hinweg kommunizierte Langenbach mit der Frau

Heute ist Langenbach klüger

Aus heutiger Sicht gesteht sich der Lehrer ein, dass es bei nüchterner Betrachtung natürlich dumm gewesen sei, dieser vermeintlich unbekannten Person zu vertrauen. Allerdings wirkte das Vertrauensverhältnis für ihn sehr realistisch. Heute weiß der Lehrer, dass er einer Betrugsmasche zum Opfer fiel. Schließlich leben wir heute in einer Zeit, in der sich Menschen immer häufiger über soziale Netzwerke oder in Online-Partnerbörsen kennenlernen. Heiratsschwindel geht digitale Wege und wird dort als „Love Scam“ oder „Romance Scam“ bezeichnet.

Der Fall von Langenbach ist ein Paradebeispiel dafür, wie Menschen von Sehnsüchten geleitet werden und Kriminelle im Gegenzug von der Anonymität des Internets profitieren.

Love Scam - Internet fraud
Heiratsschwindel geht digitale Wege und wird dort als „Love Scam“ oder „Romance Scam“ bezeichnet

Persönliche Erfahrungen als Intention

Benedikt Langenbach hat eine Vorliebe für China. Er war bereits zwei Jahre lang als Sprachlehrer in Peking tätig und führte vor Ort eine Beziehung mit einer Chinesin. Als er wieder zurück in Berlin war, sehnte er sich nach dem Land der aufgehenden Sonne.

Umso mehr freute er sich über den Kontaktaufbau auf der Flirt-App, der schon bald auf WhatsApp fortgesetzt wurde.

Im Laufe der Zeit intensivierten sich die Unterhaltungen, die zum Teil über mehrere Stunden andauerten. Vertrauen stellte sich ein, so dass die Chinesin den Lehrer bald konsequent mit „dear“ bzw. „Schatz“ ansprach. Zugleich war von einem baldigen Treffen die Rede.

Die klassische Masche der Betrüger

Diese Masche ist gängig. Die Betrüger zielen darauf ab, so schnell wie möglich eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen und das Opfer für sich zu begeistern. Nach Aussagen der US-Bundespolizei agieren die Kriminellen sehr professionell und wirken konsequent glaubwürdig und aufrichtig.

Im vorliegenden Fall wurden schnell finanzielle Themen angesprochen. Die Chinesin erzählte, dass sie in Peking mehrere Restaurants und Schönheitssalons betreibt, die eine lukrative Geldanlage sind. Deshalb verwunderte es den Deutschen auch nicht, dass sich Nuo Yi schnell nach den finanziellen Möglichkeiten des Deutschen erkundigte.
Aus eigener Erfahrung weiß Langenbach, dass für Frauen aus China das Thema Einkommen eine wichtige Rolle spielt. Nuo Yi erweckte auch den Eindruck, eine knallharte Business-Frau zu sein.

Die klassische Masche der Betrüger
Die klassische Masche der Betrüger

Aufforderungen zur Investition in Kryptowährungen

Irgendwann forderte sie ihn auf, 100 Dollar in eine Plattform für Kryptowährungen zu investieren. Schnell war Langenbach bereit, dieses Risiko einzugehen. Die vermeintliche Chinesin leitete ihn bei der Überweisung an. Bereits eine Stunde später stieg der Geldbetrag auf dem Konto um 20 Prozent an. Deshalb war es für Langenbach eine logische Konsequenz, noch mehr Geld zu investieren.

Die Chinesin forderte den Deutschen bald auf, 10.000 Dollar aufzutreiben, um von den Gewinnmöglichkeiten zu profitieren und einen besonderen Bonus zu erhalten.

Da er allerdings nicht so viel Geld zur Verfügung hatte, riet ihm Nuo Yi an, sich Geld zu leihen oder per Kreditkarte abzuheben. Dabei vergaß sie nie, das Thema Liebe und Beziehung aufzugreifen. Mehrfach betonte sie, dass es ihre alleinige Absicht sei, das Leben ihres „Schatzes“ zu verbessern.

Ein bis ins Detail durchdachter Trick

Der Deutsche sammelte das nötige Geld und bemerkte auf der empfohlenen chinesischen Webseite immer wieder, dass sich das Geld auf dem Portal sichtlich vermehrte. Doch als er die Geldbeträge auf sein Bankkonto überweisen wollte, schlugen diese Versuche fehl. Letztendlich musste der Lehrer einen Verlust von ungefähr 6.000 Euro hinnehmen. Doch in vielen Fällen ist der finanzielle Schaden noch wesentlich höher.

Bei einer Meldestelle des FBI für Internetbetrug wurden 2019 fast 20.000 Anzeigen gemeldet, deren Schaden sich durchschnittlich auf 20.000 Dollar pro Fall belief. Schenkt man Einschätzungen von Ermittlern Glauben, steigen die Summen auch immer deutlicher an. Die Masche ist so erfolgreich, dass immer mehr Täter deren Vorteile nutzen. Heute ist moderner Heiratsschwindel eine der ertragreichsten kriminellen Handlungen von Cyberkriminalität. Die Polizei in Deutschland führt diese Fälle zwar nicht gesondert auf. Allerdings dürfte der Schaden auch hier beträchtlich sein.

Besonderheiten des Manipulation Social Engineering

Diese Masche ist allerdings kein typischer Cyberangriff, sondern der Versuch, eine Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Von Anfang an steht fest, dass die andere Person ausgenutzt werden soll. Die Rede ist vom Manipulation Social Engineering. Das Internet ermöglicht es, Heiratsschwindel im großen Format auszuüben.

Auf Tinder gelingt es Tätern sogar, den Kontakt zu bis zu 40 Personen auf einmal zu pflegen.

Sind die Gesprächspartner nicht allzu kritisch, lässt sich die Illusion eines vertrauensvollen Kontaktaufbaus unkompliziert forcieren.

Das Ziel ist dabei nicht immer eine Investition in Kryptowährungen, auch wenn diese Betrugsmasche langsam zunimmt. Viele Betrüger präsentieren sich als Geschäftsleute, Ärzte oder Soldaten, die unerwartet in Not geraten sind. Häufig kommen sie gerade nicht an ihr Bankkonto, um den Flug zu einer geliebten Person zu bezahlen. Überraschende Steuernachzahlungen oder Unfälle geben sie ebenfalls als häufigen Grund an. Es gibt viele Gründe, um die Chatpartner aus überzeugenden Gründen zur Kasse zu bitten.
Wie das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen betont, sind finanzielle Intentionen auch nicht immer der einzige Beweggrund. Andere Täter benötigen Kopien von Pässen oder Ausweisen, um Dokumente fälschen zu können.

Eine „realistische Gesprächsführung“

Wie Benedikt Langenbach ein Opfer dieser Masche werden konnte, versteht er bis heute nicht. Heute weiß er, dass Einbildung bei dieser Form der Kommunikation eine wichtige Rolle spielt. Zudem betont der Lehrer, dass die Gesprächsführung sehr realistisch auf ihn wirkte. Die Kommunikation erschien nach dessen Aussagen „realistisch chinesisch“. Deshalb vermutete er professionelle Betrüger am Werk.

Aufkommendes Misstrauen verdankte er einem technikaffinen Freund. Der Computerspieledesigner nahm die Handelsplattform unter die Lupe und bemerkte, dass es so gut wie keine Zugriffe auf das Portal gab. Anschließend suchte er im World Wide Web nach weiteren Informationen und entdeckte die Betrugsmasche.

Tinder versucht, konsequent durchzugreifen

In der Tat sind einige Warnzeichen auch ohne größeren technischen Sachverstand erkennbar. Wie das LKA NRW betont, sind virtuelle Profile beispielsweise nur schwer überprüfbar. In diesen Fällen ist es durchaus angebracht, ein gesundes Misstrauen aufzubauen. Informationen über persönliche und finanzielle Verhältnisse werden eigentlich tabuisiert. Fordert das Gegenüber Ausweisdokumente oder Geld ein, sind ein Kontaktabbruch und eine Anzeige die nötige Konsequenz.

Tinder betont, bei Schwindel und Betrug eine Null-Toleranz-Politik zu praktizieren. Fordern Nutzer finanzielle Informationen ein, könne dies über sogenannte Reporting Tools gemeldet werden. Auf diese Weise kann nahezu jeder Betrug gestoppt werden.