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Dem Geheimnis für Langlebigkeit auf der Spur – ist der Nacktmull die Lösung?

Dem Geheimnis für Langlebigkeit auf der Spur – ist der Nacktmull die Lösung
Dem Geheimnis für Langlebigkeit auf der Spur – ist der Nacktmull die Lösung? | Foto: ©petrrgoskov #1687477705 – stock.adobe.com

Forscher versuchen, die Geheimnisse der Langlebigkeit und ewigen Jugend zu lüften. Hohe Beträge fließen in die Forschung. Die Wissenschaft interessiert sich deshalb zunehmend für den Nacktmull, ein mausgroßes Nagetier, das eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gegen Herzerkrankungen, Krebs und altersbedingten geistigen Verfall aufweist.

Scheinbar unendliche Jugend des Nacktmulls

Der mausgroße Nacktmull wirkt, anders als seine Verwandten, die Meerschweinchen, kaum anziehend und ist fast blind. Er scheint nicht zu altern und möglicherweise die Wunderwaffe gegen den Verfall in sich zu tragen.

Unsterblich sind Nacktmulle nicht. Zur Lebenserwartung kursieren unterschiedliche Angaben. In Gefangenschaft können sie jedoch mehr als 30 Jahre alt werden; das bislang dokumentierte Höchstalter liegt bei etwa 40 Jahren. Dennoch ist die scheinbar unendliche Jugend dieser Tiere interessant für die Biotech-Branche. Die Branche für Langlebigkeitsforschung und entsprechende Produkte soll bis 2030 voraussichtlich mehr als 44 Milliarden US-Dollar erreichen.

Die Forscher suchen nach Möglichkeiten, wirksam gegen Krebs, Schlaganfall, Herzinfarkt und kognitiven Verfall vorzugehen.

Mit den geheimnisvollen Nagern arbeiten gegenwärtig weltweit mehr als hundert Labore. In der Forschung teilen fast alle Tiere eine gemeinsame Herkunft.

Vor mehr als 40 Jahren bereiste die damalige Zoologiestudentin Rochelle Buffenstein Kenia in einem Wohnmobil und sammelte im Rahmen einer Expedition Nacktmulle. Schon damals stellten die Forscher fest, dass Nacktmulle wie Bienen in einer arbeitsteiligen, kooperativen Struktur leben. Tatsächlich bilden Nacktmulle sogenannte eusoziale Kolonien mit einer einzelnen fortpflanzungsfähigen Königin, ähnlich wie einige Insektenarten.

Einige Tiere erreichten 1987 ein Alter von sieben Jahren. Sie lebten auch zehn Jahre später noch. Ein Nacktmull, der fast 40 Jahre alt wurde, zeigte selbst in hohem Alter nur geringe altersbedingte Veränderungen. Der bislang älteste bekannte Nacktmull wurde etwa 39 bis 40 Jahre alt.

Scheinbar unendliche Jugend des Nacktmulls
Scheinbar unendliche Jugend des Nacktmulls | Foto: ©petrrgoskov #2079540482 – stock.adobe.com

Der Langlebigkeit auf der Spur

Rochelle Buffenstein untersuchte 7.000 Nachkommen der Nacktmulle aus Kenia und stellte fest, dass diese Tiere kaum oder keine Anzeichen von Schlaganfall, verminderter Herzfunktion, Neurodegeneration oder Krebs zeigten. An der Universität von Illinois in Chicago halten Rochelle Buffenstein und ihr Kollege Thomas Park eine der weltweit größten Nacktmull-Sammlungen. Die Kolonien können mehrere Dutzend Tiere umfassen und werden von einer Königin dominiert. Die Plastikkäfige der Nacktmulle sind miteinander durch Plastikschläuche verbunden.

Die Tiere verfügen über ein Nest, eine Speisekammer und eine Toilette, wobei die Tiere ihre Abfälle in bestimmten Bereichen der Kolonie absetzen.

Ähnlich wie bei den Bienen wird jede Nacktmull-Kolonie von einer Königin angeführt. Die Königin ist das einzige fortpflanzungsfähige Weibchen der Kolonie. Die Forscher stellten bereits fest, dass sich die Nacktmulle bis zu ihrem Tod fortpflanzen. Erstaunlich ist, dass die Weibchen keine für andere Säugetiere typische Menopause durchlaufen.

Die Königin ist das einzige Weibchen in einer Kolonie, das Nachkommen zeugt. Sie altert noch langsamer als ihre Untertanen. Im Gegensatz zu anderen Arten weisen Nacktmulle lebenslang biologische Merkmale auf, die sonst nur bei Jungtieren vorhanden sind.

Der Langlebigkeit auf der Spur
Rochelle Buffenstein untersuchte 7.000 Nachkommen der Nacktmulle aus Kenia und stellte fest, dass diese Tiere kaum oder keine Anzeichen von Schlaganfall, verminderter Herzfunktion, Neurodegeneration oder Krebs zeigten | Foto: ©petrrgoskov #2027299831 – stock.adobe.com

Volle Herzfunktion auch noch im hohen Alter

Das Geheimnis der Langlebigkeit der Nacktmulle liegt für Rochelle Buffenstein unter anderem in ihrer außergewöhnlich guten Erhaltung körperlicher Funktionen im Alter. Nacktmulle können bis zu 18 Minuten ohne Sauerstoff auskommen und sich anschließend wieder vollständig erholen. Für den Menschen könnte diese Fähigkeit nützlich sein, um Gewebeschäden durch Sauerstoffmangel beispielsweise bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall besser zu verstehen und möglicherweise zu begrenzen.

Rochelle Buffenstein betont, dass ein längeres Leben für den Menschen dann erstrebenswert wäre, wenn er gesund altern würde. Bei den Nacktmullen scheint sich im Alter vergleichsweise wenig zu verschlechtern.

Die Forscherin glaubt, dass das Geheimnis, den Tücken des Alters zu trotzen, darin liegt, auf zellulärer Ebene länger jung zu bleiben.

Forscher haben außerdem untersucht, wie sich Nacktmull-Zellen bei Alterungsprozessen verhalten. Ein japanisches Forscherteam entdeckte bereits, dass Nacktmulle Zellen ausscheiden, die sich nicht mehr teilen, aber noch nicht absterben. Forscher am Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin stellten fest, dass Nacktmulle gegen durch Säure und Capsaicin ausgelöste Schmerzen unempfindlich sind.

Eine weitere spannende Entdeckung machten Wissenschaftler in Cambridge. Sie stellten fest, dass Nacktmulle eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegen Krebs besitzen. Dabei spielen mehrere biologische Mechanismen eine Rolle, unter anderem Veränderungen in der Zellregulation und möglicherweise die Immunabwehr.

Behandlungsmethoden für Menschen auf Basis der Nacktmull-Forschung erwartet

Die Co-Direktorin des Rochester Aging Research Center im US-Bundesstaat New York, Vera Gorbunova, forscht an möglichen Anwendungen der Erkenntnisse aus der Nacktmull-Forschung für den Menschen. Sie denkt unter anderem an neue Ansätze zur Vorbeugung und Behandlung altersbedingter Erkrankungen und Krebs.

Ein Schlüsselfaktor könnte die Produktion von Hyaluronsäure bei Nacktmullen sein. Die Tiere produzieren große Mengen einer besonders hochmolekularen Form der Hyaluronsäure. Im Zusammenspiel mit anderen Mechanismen könnte die Hyaluronsäure im Gewebe der Tiere der Entstehung von Tumoren entgegenwirken. Menschen produzieren ebenfalls Hyaluronsäure, allerdings unterscheidet sich deren Molekülstruktur von der besonders hochmolekularen Hyaluronsäure der Nacktmulle.

Laut Vera Gorbunova könnte die besondere Form der Hyaluronsäure bei Nacktmullen die Bildung von Tumoren verhindern oder erschweren. Ihr Team konnte 2023 bei genetisch veränderten Mäusen zeigen, dass die erhöhte Produktion von Hyaluronsäure mit einer geringeren Krebsrate, einer verbesserten Gesundheit und einer verlängerten Lebensspanne verbunden war. Das ist allerdings noch kein Nachweis, dass sich dieser Mechanismus auf den Menschen übertragen lässt.